Was hinter Erdogans Vorwürfen gegen Gülen steckt

2016, das war auch das Jahr des Putschversuchs in der Türkei. Noch während jener verhängnisvollen Nacht benannte Präsident Recep Tayyip Erdogan die vermeintlichen Drahtzieher: Fethullah Gülen und seine Anhänger. Seither macht er Jagd auf die "Gülenisten". Ich hatte einige exklusive Hintergründe.

Screenshot: welt.de
Screenshot: welt.de

Drei Jahre, nachdem ich meine Bachelorarbeit mit dem Titel "Die Beziehungen zwischen der Fethullah-Gülen-Bewegung und der AKP" fertiggestellt hatte, wurde das Thema auf einmal aktuell. Über die Jahre hatte ich immer wieder Artikelvorschläge zum Thema Erdogan gegen Gülen eingereicht, jedoch stießen sie nur allzu selten in den Redaktionen auf Gehör. Dabei brodelte der Konflikt zwischen den beiden vermutlich einflussreichsten Türken schon seit Jahren. Allerdings ist das Thema kompliziert, vielschichtig und mit zahlreichen Verschwörungstheorien aufgeladen – und deshalb aus Blattmachersicht nicht unbedingt beliebt.

 

Eine Ausnahme machte die Welt im Oktober 2014 ("Erdogan will Ex-Verbündete zu Staatsfeinden erklären", Die Welt vom 30.10.2014). Als Anlass nahm ich die Tatsache, dass Erdogan die Gülen-Bewegung an jenem Donnerstag offiziell zum Staatsfeind erklärte. Schon damals war jedoch abzusehen, dass die letzte Eskalationsstufe im Machtkampf der starken Männer noch nicht erreicht war. Beispielsweise fragte ich, was wohl mit dem Medienimperium der Gülen-Bewegung passieren würde, allen voran mit der Tageszeitung Zaman. Die Antwort lieferte Erdogan Anfang dieses Jahres, als die Polizei die Zaman-Redaktion stürmte und die Journalisten festnahm oder austauschte.

 

Ich beschrieb außerdem, wie Erdogan und Gülen – beziehungsweise die AKP und die Gülen-Bewegung – sich über Jahre gegenseitig nutzten und so eine Zweckgemeinschaft bildeten: als islamischer Block gegen das säkulare Establishment im Land, allen voran gegen das traditionell kemalistische Militär. Höhepunkt dieser Verbindung war der Ergenekon-Prozess, der nach meinen Recherchen eine Art Hexenjagd der Gülenisten gegen politische Gegner darstellte – mit stiller Zustimmung der AKP-Regierung. Diese Sicht der Dinge bestätigte mir auch der britische Türkei-Experte Gareth Jenkins, den ich kurz zuvor in seiner Istanbuler Wohnung besucht hatte. Und er sagte mir auch etwas im Hinblick auf das türkische Militär, vor dessen Macht Erdogan lange Angst hatte. Im Text zitiere ich Jenkins so: 

 

Eines habe Erdogan bei den Prozessen gelernt: Er „hatte immer Angst vor einem Putsch. Aber als er sah, dass das Militär nicht einmal in der Lage war, die eigenen Leute zu schützen, wurde ihm klar, dass diese Angst unbegründet war“, erklärt Jenkins. Es war ein Wendepunkt in den Beziehungen der AKP zu der Gülen-Bewegung – wo kein Zweck, da keine Zweckehe.

 

Was soll man vom Militärputsch halten?

 

Trotzdem putschte das Militär, an das sich Erdogan in den vergangenen Jahren eigentlich angenähert hatte. Vielleicht ist das die Erklärung, warum der Putsch fehlschlug: Die Streitkräfte waren längst nicht mehr eine geschlossene Einheit gegen Erdogan.

 

Im Allgemeinen bissen sich die Medien zunächst an einer Frage fest: War der Putschversuch real oder ein Fake des Präsidenten, um seine Macht auszubauen. Eine mühsige Frage, da sie auf Spekulationen beruht. Ja, Erdogan ist alles zuzutrauen. Aber ich meinte, man müsste fairerweise auch die andere Möglichkeit, ein Umsturzversuch der Gülen-Bewegung, in Betracht ziehen. Genau dies tat ich am zwei Tage nach der Putsch-Nacht ("Unerkannt in den Arterien des Systems", Die Welt vom 17.07.2016).

 

In einem längeren Artikel diskutierte ich Argumente, die für Erdogans Version sprechen – und griff dabei auf die Recherchen meiner Bachelor-Arbeit zurück. Damals hatte ich u.a. aus bei Wikileaks veröffentlichten, internen E-Mails des US-Think-Tanks Stratfor zitiert, die über Jahre wie ein Geheimdienst Informationen über die Gülenisten gesammelt hatten. In meinem Artikel schrieb ich:


 

Von Gülen selbst, der sich in seinen Schriften und Predigten betont unpolitisch gibt, wurde Ende der Neunziger Jahre eine Rede öffentlich, die aus der Zeit stammt, als er seine Botschaften noch mittels Audio- und Videokassetten verbreitete. Darin rief er seine Anhänger „in Vertrauen auf eure Loyalität und Verschwiegenheit“ auf, „euch in die Arterien des Systems zu bewegen, ohne dass jemand von eurer Existenz Notiz nimmt, bis ihr alle Machtzentren erreicht habt.“ Nachdem das Video im Fernsehen ausgestrahlt wurde und die Staatsanwaltschaft gegen den Prediger ermittelte, floh Gülen in die USA.

 

Teile seiner Anhänger jedoch sollten seiner Weisung Folge leisten. Zunächst wuchs ihre Anzahl und ihr Einfluss bei der Polizei, später auch in der Justiz – und sogar im Militär. Während manche Beobachter von einer zwangsläufigen Entwicklung angesichts der Größe der Bewegung sprechen, legen andere Quellen eine gezielte Unterwanderung der Institutionen nahe: Interne E-Mails des US-Sicherheitsberatungsunternehmens Stratfor aus dem Jahr 2010 etwa, die ebenfalls Wikileaks veröffentlicht hatte. Stratfor-Informanten sprechen darin von einem „Rekrutierungsprozess“ in den Gülen-Schulen. Der treue Nachwuchs würde – auch dank der Verbindungen zur AKP – in strategisch wichtige Positionen geschleust, die besten Schüler an die Militärakademie geschickt.

 

Die Quellen berichten den Stratfor-Analysten von „Schläfern“ bei den Streitkräften, die sich verstellten, mit Poolpartys, Ehefrauen ohne Kopftuch und Alkohol, um im säkularen Militär nicht als gläubig aufzufallen. Sie erzählen übereinstimmend von Führungsoffizieren, an die diese Gülenisten berichten würden – und von denen sie Anweisungen erhielten. Eine Quelle, nach eigener Aussage selbst früher ein strammer Gülenist, bezifferte den Anteil der Gülen-Anhänger bei den Streitkräften auf etwa 30 Prozent. „Das läuft wie bei einem professionellen Geheimdienst ab“, wird er zitiert.

 

Mit Blick auf ihren Einfluss im Militär her, so meine Logik, war ein Putschversuch der Gülen-Bewegung also nicht gänzlich unrealistisch. Ob sie es am Ende tatsächlich waren? Das mochte und mag ich nicht zu beurteilen.

 

Screenshot: braunschweiger-zeitung.de
Screenshot: braunschweiger-zeitung.de

Konflikt schwappt nach Deutschland

 

Es dauerte nicht lange, bis der Konflikt zwischen Erdogan- und Gülen-Anhängern, der in der Türkei in der Folge des Putschversuchs eskalierte, auch in Deutschland aufbrach. Zu diesem Anlass schrieb ich zwei Artikel für die Funke-Mediengruppe, die in mehreren der zu ihr gehörenden Tageszeitungen erschienen. Im ersten, Ende Juli, ging es um die gemeinsame Geschichte von Erdogan und Gülen, ihr Weg von (Zweckehe-)Partnern zu Erzfeinden gewissermaßen (u.a. hier: "Erdogans 'ehrwürdiger Lehrer' Gülen wurde Feind fürs Leben", Hamburger Abendblatt vom 29.07.2016).

 

Der zweite Artikel beschäftigte sich konkret damit, was in diesen Tagen in Deutschland passierte (u.a. hier: "Gülens Netzwerk", Berliner Morgenpost vom 10.08.2016). Dass Gülen-Anhänger nämlich auch in Deutschland zur Zielscheibe von Erdogan und seinen Unterstützern wurden.


Einigen war dies aber zu konkret: Der deutsche Erdogan-Lobbyverein UETD erwirkte eine Unterlassungsklage gegen das Hamburger Abendblatt, das neben anderen meinen Artikel publizierte, sowie gegen den Journalisten Hüseyin Topel, der im Text die UETD scharf kritisierte. Mittlerweile sind beide Unterlassungsklagen vor Gericht richtigerweise abgewiesen worden. Der Fall, von dem ich zum Glück juristisch nicht persönlich betroffen war, zeigt aber eines ganz deutlich: Leg' dich nicht mit Erdogan an.

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