Warum die Kontaktverfolgung bei der Corona-Bekämpfung zu langsam ist

Das Tückische am Coronavirus SARS-CoV-2 ist, dass man es bereits verbreitet, bevor man selbst Symptome spürt. Wenn man überhaupt je Symptome spürt… Umso wichtiger ist, dass man dann schnellstmöglich mit der Nachverfolgung beginnt. Die Realität kommt jedoch langsam daher. Ein Erfahrungsbericht.

Weil sich SARS-CoV-2 verbreitet, bevor der Infizierte erkrankt, steht die Pandemie-Bekämpfung vor einem kapitalen Problem: Die Infektionsketten-Brecher der Gesundheitsämter laufen zwangsläufig dem Virus hinterher. Selbst wer sich idealerweise bei Symptombeginn gleich testen lässt und sich anschließend in Quarantäne begibt, der hat drei Tage lang unbedarft das Virus durch die Welt getragen. Denn infektiös ist man bereits zwei Tage vor Symptombeginn. Und selbst wenn in diesem Idealfall dem Gesundheitsamt das Testergebnis schon am nächsten Tag vorliegt und sofort mit der Kontaktnachverfolgung begonnen wird – ist schon wieder ein Tag vergangen.

 

Wenn man sich also vorstellt, dass das Gesundheitsamt mit dem Virus ein Wettrennen auf der Infektionskette machen würde, so ginge es jedes Mal mit mindestens vier Tagen Rückstand ins Rennen.

 

Mit reiner Kontaktnachverfolgung, wie bei anderen Krankheiten, lässt sich die Pandemie daher nicht stoppen. Denn jeden Tag wird das Virus zigfach unwissentlich weitergetragen, da kann sich die Bevölkerung noch so vorsichtig, sensibel und verantwortungsbewusst verhalten. Kann man es dann nicht bleiben lassen und sich auf andere Werkzeuge konzentrieren?

 

Die Antwort der Wissenschaft und Politik ist nein. Denn trotz aller Handicaps, ist die Kontaktverfolgung ein zentraler Baustein im Kampf gegen die Pandemie. Natürlich lässt sich auch so manche Infektionskette durchbrechen, lassen sich Cluster erkennen. Erst recht, wenn die engen Kontakte und die Mobilität der Bevölkerung überschaubar sind – wie während eines Lockdowns oder Shutdowns.

 

 

Aber klar ist auch: Wenn man beim Start des Wettrennens bereits einen Rückstand hat, dann kommt es jetzt auf die Endgeschwindigkeit an. Jeder Tag zählt.

 

Sind die Rahmenbedingungen dafür gegeben? Ein Erfahrungsbericht.

 

Am Sonntagabend bekam ich Fieber, am Montag lag ich den ganzen Tag flach. War müde und erschlagen und kam kaum aus dem Bett. Ich hatte Fieber, Gelenksschmerzen, Halsschmerzen. Kein Husten, keinen Geschmacksverlust. Am Dienstag ging ich zu einer Testpraxis.

 

Vor dem Fenster der Arztpraxis in Berlin-Mitte standen etwa 30 Leute Schlange. Wer sich registriert und 40 Euro bezahlt hatte, wurde ein Fenster weitergereicht, wo ein Schnelltest vorgenommen wurde. 15 Minuten warten, dann hieß es: „Sie sind negativ, bleiben Sie gesund, alles Gute!“ Zumindest bei allen anderen. Ich wurde wieder an Fenster eins gerufen, wo mir die Dame, die mir vorhin noch mit überschaubarem Erfolg Mut zusprechen wollte („vielleicht nur eine Erkältung sei“), eröffnete, dass der Schnelltest positiv sei. Nun müsse noch ein PCR-Labortest gemacht werden. „Dachte ich mir schon“, murmelte ich, und war erneut erleichtert, dass mir das Wattestäbchen nicht in die Nase gesteckt wurde.

 

„Jetzt fahren Sie sofort nach Hause und begeben sich in Quarantäne. Melden Sie sich beim Gesundheitsamt! Ihre Freundin muss gleich mit in Quarantäne“, trug mir die Dame streng auf. Weitere Fragen solle ich mit dem Gesundheitsamt klären, die Schlange hinter mir wurde ja derweil nicht kürzer.

 

Das Gesundheitsamt erwies sich als ebenso unmöglich telefonisch zu erreichen, wie ein paar Stunden zuvor die Covid-19-Praxen. Also schrieb ich eine Mail. Als automatische Antwort kam nicht viel mehr als der Hinweis, dass alles aktuell etwas länger dauert.

 

Als ich zur Ruhe kam, wurde ich sauer: Als ich im Sommer aus dem Urlaub zurückflog, kam es mir vor, als wäre ich eine tickende Zeitbombe. Denn mein Urlaubsort war plötzlich ein Risikogebiet geworden. Und ob ich alleine gewandert wäre oder jeden Abend im Pub gesoffen hätte – Risikogebiet war Risikogebiet. In Deutschland hatte man deshalb ein System geschaffen, um das Land vor positiven Heimkehrern wie vielleicht mich zu schützen: Im Flieger gab es Aussteigekarten und einen eng bedruckten Brief vom Gesundheitsministerium, was alles zu tun und zu lassen sei, an den Flughäfen waren Testcenter errichtet worden. Als ich mir hinterher einmal die Statistiken angeschaut habe, fiel auf: Dramatisch waren die Zahlen weder bei Frankreich-Rückkehrern wie mir noch bei denen aus den anderen klassischen Urlaubsländern. Problematisch waren wenig überraschend vor allem Verwandtschaftsbesuche, etwa bei der Großfamilie auf dem Balkan. 

 

Mich störte das damals nicht wirklich, ich bin seit Tag eins ein gehorsamer Unterstützer aller Corona-Maßnahmen, auch von denen, die für meinen Begriff vielleicht übers Ziel hinausschießen. Jetzt aber ärgere ich mich. Denn während für Urlauber, von denen wenig überraschend nur kleiner Bruchteil positiv war, eine riesige Maschinerie geschaffen wurde, gibt es für mich heute praktisch gar nichts.

 

Dabei bin ich mit einer weit über 90-pozentigen Wahrscheinlichkeit Covid-positiv.

 

Von der Praxis hatte ich einen Ausdruck mit dem Schnelltest-Ergebnis und eine SMS-Quittung über die 40 Euro bekommen. Sonst nichts.

  • Kein Hinweis, seit wann ich infektiös sein könnte und wer daher potentiell gefährdet wurde.
  • Kein Leitfaden, wie ich meine Kontakte einordnen soll und wer mit welchem Hinweis zu warnen ist.
  • Kein Wort darüber, wie ich mich verhalten soll, wenn die Symptome schlimmer würden. Die Covid-19-Praxen anrufen, bei denen man telefonisch nicht durchkam?
  • Ebenso wenig, wo ich fiebersenkende Medikamente herbekomme, wenn ich nicht zur Apotheke gehen kann. Es soll ja auch einsame Leute in der Großstadt geben, die keinen zur Hand haben, der hilft.
  • Ach: Und wo finde ich den QR-Code, damit ich die Corona-Warn-App nutzen kann?

Wenn das Gesundheitsministerium in der Lage war, Briefe für Urlaubsrückkehrer zu schreiben. Dann hätte es doch auch einen Leitfaden verfassen können, der Schnelltestpositiven vom Arzt in die Hand gedrückt wird. Damit klar ist, was der Positive jetzt zu tun hat.

 

Mein Fall ist für das Infektionsgeschehen wahrscheinlich eine Randnotiz. Ich bin nach Hause gegangen und habe gegoogelt, seit wann ich wohl infektiös war. Ich war fit und motiviert genug. Ich hatte im infektiösen Zeitraum nur wenige Leute gesehen, von zuhause gearbeitet, keinen ÖPNV genutzt. Meine Kontakte gingen gleich nach meinem Bericht von dem Schnelltestergebnis alle in die Selbstisolation, trafen auf Verständnis bei ihren Arbeitgebern.

 

Selbst wenn ich ein Superspreader-Typ wäre, hielte sich der Schaden wahrscheinlich in Grenzen.

 

Aber im Wettrennen zwischen Kontaktverfolgern und Virus ist mein Fall nur einer von vielen. Und ich hätte ja auch Supermarktverkäufer sein können, der morgens mit der vollen U-Bahn zur Arbeit fährt und sich am Samstagabend auf einer privaten Feier aufgehalten hat. Und dessen Feierfreunde nicht so verantwortungsbewusst sein können oder wollen. Wie schnell sind dann die Behörden?

 

Das Gesundheitsamt antwortet auf meine Mail am Donnerstag, zwei Tage nach dem Schnelltestergebnis, fast eine Woche nach Beginn meiner Infektiosität. Hier bekomme ich nun endlich die klaren Handlungsanweisungen, wen ich wie warnen soll, wie lange ich selbst in Quarantäne verbleiben muss. Außerdem soll ich einen ausgefüllten Fragebogen und die Kontaktliste schicken, damit die Nachverfolger mit den Kontakten alles Weitere sprechen können. Aber erst, wenn das PCR-Ergebnis da ist. „Der Laborbefund ist die Voraussetzung für die weitere Bearbeitung Ihres Anliegens.“

 

Das PCR-Ergebnis bekomme ich noch einmal einen Tag später. Mittlerweile bin ich seit einer Woche infektiös – und wen ich angesteckt habe, der dürfte selbst bereits infektiös sein. Der Arzt, der mich dazu anruft, teilt mein Unverständnis, dass kein System geschaffen wurde, das schneller funktioniert. Dass vielleicht schon mit Schnelltestergebnis die Maschinerie losläuft. Warum eigentlich nicht? Er selbst könne ja auch nichts melden, weil nur das PCR-Ergebnis akzeptiert werde, meint er.

 

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: Keiner, den ich an diesem Nachmittag vor den Fenstern der Arztpraxis gesehen habe, hat nur einen PCR-Test gemacht. Und keiner, dessen Schnelltest negativ war, hat einen PCR-Test zur Sicherheit nachgelegt. Im Umkehrschluss heißt das aber doch: Der Schnelltest wird bei der Erfassung der Covid-Fälle als maßgebliches Kriterium genutzt – warum kann sich dann nicht auch die Nachverfolgung darauf berufen?

 

Einer von hundert Schnelltests, sagte der Arzt, sei bei ihm bislang falsch-positiv gewesen. Mir erscheinen die Vorteile von schnellerem Handeln in 99 Fällen, um die Infektionsketten zu durchbrechen, doch um einiges größer als das eine Mal, bei dem umsonst Staub aufgewirbelt wird. Zumutbar zumindest in Zeiten, in denen wir ja nicht einmal mehr ins Restaurant gehen können.

 

In meinem Fall hätte das Gesundheitsamt in besagtem Wettrennen einen Rückstand von fünf Tagen gehabt, wenn es am Dienstag nach dem Schnelltestergebnis losgelegt hätte. Durch das Warten auf das PCR-Ergebnis sind wir jetzt bei acht Tagen. Und es ist Freitagnachmittag, als ich nun endlich meine Daten und Kontakte mitteilen kann. Wenn es mit der Nachverfolgung erst am Montag losginge, dann wären zehn Tage vergangen, seitdem ich Leute infiziert haben könnte. Ich wäre schon fast mit meiner eigenen Quarantäne fertig.

 

Nun ist das mit meinen Kontakten ja zum Glück nicht kompliziert gewesen. Alles, was das Gesundheitsamt ihnen wohl mitteilen wird, wird bereits geschehen sein. Gefährlicher für die Ausbreitung sind ja eigentlich die, die ich nicht kenne und beim Supermarkt oder im Treppenhaus angesteckt haben könnte. Das kommt mir heute längst nicht mehr so unwahrscheinlich vor, denn ich befürchte, dass es mir auch so ergangen ist.

 

Für diese Kontaktverfolgung gibt es ja die App. Aber nicht nur das Gesundheitsamt braucht das PCR-Ergebnis. Auch die Corona-Warn-App. Auch hier kann ich also erst am Freitag, eine Woche nach Beginn meiner Infektiosität, endlich all diese Unbekannten warnen, die mir vor einer Woche zu nahe gekommen sind. Hätte ich einen davon infiziert, könnte der schon längst selbst Leute infiziert haben…

 

Während mir meine App nun ein „Vielen Dank!“ entgegenruft, wenn ich sie öffne, frage ich meinen Kumpel, ob seine App ihn schon gewarnt hat. „Bisher nicht“, sagt er, „da steht aber auch: Letzte Aktualisierung heute morgen. Und das aktualisiert sich doch nur einmal täglich, oder?“

 

Was besser laufen müsste:

  • Ein positiver Schnelltest wird bei der Arztpraxis praktisch als Zugangskriterium für den PCR-Test genommen. Die falsch-positive Rate ist sehr gering. Deshalb sollte mit dem positiven Schnelltest die Maschinerie auch bereits loslaufen! Die wenigen Male, bei denen unnötig Staub aufgewirbelt würde, wären in einer Zeit, in der das Leben ohnehin sehr eingeschränkt ist, zu verkraften.
  • Mit dem positiven Schnelltestergebnis sollte man einen klaren Leitfaden an die Hand bekommen, wie man sich zu verhalten hat, wen man wie warnen soll usw. Diese Instruktionen kamen zwar per Mail vom Gesundheitsamt – aber erst zwei Tage später. (Ja, man kann googeln, aber erstens, sind die Websites des Gesundheitsministerium bzw. RKI einigermaßen bürokratisch. Und zweitens, sind die Positiven ja auch zum Teil richtig krank, womöglich in einem Alter, in dem Googeln nicht so gängig ist. Ein Handzettel würde den Aufwand erheblich verringern)
  • Meine Kontakte ersten Grades sollten wegen meines positiven Schnelltestergebnis verbindlich von der Arbeitsstätte fernbleiben dürfen. War in meinem Fall bei keinem ein Problem – aber wäre das bei prekäreren Arbeitsverhältnissen genauso?
  • Automatisiert abwickeln könnte das alles ja eigentlich eine simple Online-Plattform, zu der ich mit dem positiven Schnelltestergebnis einen Log-in bekäme. Anstatt in Excel-Tabellen vom Gesundheitsamt, trage ich meine Kontakte hier in die entsprechenden Kategorien ein und diese würden automatisch per Mail benachrichtigt mit Handlungsanweisung je nach Kategorie und, bei Kontakten ersten Ranges, mit einem Schreiben für den Arbeitgeber.
  • Die Corona-Warn-App sollte man auch mit Schnelltestergebnis nutzen können

In den allermeisten Fällen – bei anschließend positiven PCR-Test – würde so schlicht und ergreifend Zeit gewonnen werden. Bei den wenigen anderen Fällen, wenn der PCR-Test doch negativ ist, hatten ein paar Kontaktpersonen ein paar Tage umsonst Stress. Das, finde ich, ist gesellschaftlich auszuhalten.

 

Ich glaube, auf die herkömmliche Herangehensweise, die ich erlebe, verliert man viel zu viele dieser einzelnen Wettrennen. So sinnvoll die Schnelltests andernorts vielleicht bereits eingesetzt werden (Zugang zum Pflegeheim o.ä.); bei der Nachverfolgung sorgen die Schnelltests lediglich dafür, dass die Labore vor unnötigen Proben bewahrt werden – immerhin!

 

Aber das Potential ist doch viel größer. Vielleicht würde eine schnellere Kontaktverfolgung dank der Schnelltestergebnisse uns erheblich besser durch den Winter bringen.

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