"Das Geile ist halt, dass mein Job Fußball spielen ist"

Im Herbst 2017 findet sich Sasa Kalajdzic etwas unverhofft in der österreichischen Bundesliga wieder. Dabei spielte der damals 20-Jährige ein gutes Jahr zuvor noch in der viertklassigen Wiener Stadtliga. Dass der Weg so steil weiter gehen würde, war nicht abzusehen. Dass er ihn sympathisch unaufgeregt gehen würde, dagegen schon.

Sasa Kalajdzic im Admira-Trikot 2017; Foto: Ailura, CC BY-SA 3.0 AT via Wikimedia Commons

Hintergrund: Schon seit einiger Zeit hatte mir mein Kumpel Christoph Perner von einem jungen Stürmer vorgeschwärmt, mit dem er zusammenarbeitete, und der einen so unkonventionellen wie interessanten Weg zurückgelegt hatte. Und der, war sich Christoph sicher, noch lange nicht am Limit angekommen war. Als Sasa Kalajdzic zur Saison 2017/18 seine ersten Spiele in der österreichischen Bundesliga machte, dies aber medial eine Randnotiz blieb, bat mich Christoph, ein kleines Porträt zu schreiben, mit dem er die Medien auf den talentierten Angreifer aufmerksam machen wollte.

 

Am 22.11.2017 meldete sich schließlich Sasa bei mir, 20 Jahre jung, gerade einmal zehn Bundesligaspiele in den Beinen (vier von Beginn an), ein Tor geschossen. Bescheiden, sympathisch und sicherlich etwas weniger redselig als heute, wo er (zumindest aus der Ferne betrachtet) ein souveränes Verhältnis zu den Medien entwickelt hat: nahbar, offenherzig, aber nicht anbiedernd.

 

Der folgende Text ist am Ende nie erschienen, die Medien wurden dennoch bald hellhörig. Denn obwohl Kalajdzics Zeit bei den Admira-Profis auch von langen Verletzungspausen geprägt war, schoss er sich spätestens in der Rückrunde 2018/19 mit sieben Toren in zwölf Einsätzen ins internationale Schaufenster. Es folgten der Wechsel nach Stuttgart, das Debüt für die Nationalmannschaft und bis dato 22 Bundesligatore – in Deutschland.

 

Was heute wie vor fünf Jahren gilt: Das Ende der Fahnenstange scheint für Kalajdzic noch nicht erreicht.

 

"Das Geile ist halt, dass mein Job Fußball spielen ist"

04.12.2017

 

Wenn Sasa Kalajdzic irgendwann auf seine Karriere zurückschaut, wird Ernst Baumeister wahrscheinlich einen besonderen Platz in den Erinnerungen einnehmen. Als der damalige Sportdirektor von Admira Wacker im Oktober 2016 übergangsweise die "Juniors" der Admira übernimmt, hat er beim Blick auf Kalajdzic, einem defensiven Mittelfeldspieler mit schlaksiger Statur, eine Idee: Er will den Zweimetermann, dessen sportliches Vorbild Defensivstratege Nemanja Matic ist, in vorderster Front ausprobieren. Stoßstürmer statt Abräumer – Marc Janko statt Matic sozusagen.

 

Es ist ein Experiment, das glückt. Und wie! Es ist die Initialzündung für den großen Jungen aus Wien. In den sechs verbleibenden Spielen bis zur Winterpause erzielt Kalajdzic acht Tore und schießt die "Juniors" fast im Alleingang aus der sportlichen Krise. Und die neue Aufgabe auf dem Feld sorgt dafür, dass Kalajdzics Karriere nun erst recht den Turbo zündet.

 

Die Geschichte von Sasa Kalajdzic ist ungewöhnlich im modernen Fußball, den die einen professionalisiert nennen, die anderen als immer uniformer kritisieren. Ein Geschäft, in dem außergewöhnliche Lebensläufe immer seltener werden, weil die Nachwuchsleistungszentren der großen Klubs ihre Fühler bis in die entferntesten Winkel ausstrecken. Dass ein Star wie Miroslav Klose einst in der Bezirksliga angefangen hat, klingt wie eine Geschichte aus längst vergangenen Tagen.

 

Als Kind und Teenager ist Kalajdzic, Sohn serbischer Einwanderer, durchaus ein talentierter Kicker. Mit einer guten Ballbehandlung gesegnet, aber noch nicht besonders groß und umso schmächtiger. Kalajdzic geht sogar auf eine Austria-Wien-Kooperationsschule, doch er spielt stets für kleinere Vereine wie den First Vienna FC, später für SR Donaufeld.

 

Auch der schulische Schwerpunkt ändert sich mit der Zeit: Maschinenbau statt Fußball. Als Kalajdzic auf die Matura zusteuert, war er zwar dreimal Wiener Jugend-Stadtmeister (wobei sich die "Großen" wie Rapid oder Austria aus diesem Wettbewerb heraushalten) – doch der Traum vom Fußballprofi scheint nicht unbedingt greifbar.

 

"Im letzten Schuljahr habe ich überlegt, was ich machen soll", erinnert sich Kalajdzic. "Ich wollte schon probieren, Fußballprofi zu werden, und habe gehofft, vielleicht bei einem Zweitliga-Klub unterzukommen." Als wichtiger Karrierehelfer tut sich schließlich sein Donaufelder Mannschaftskapitän hervor. "Er war administrativer Leiter der Nachwuchsabteilung von Admira Wacker. Nach unserem letzten Saisonspiel hat er mich gefragt, ob ich denn zur Admira wolle", erzählt Kalajdzic. Natürlich wollte er.

 

Als Kalajdzic am 30. Juli 2017 gegen Altach in der Bundesliga debütiert, ist sein letzter Einsatz in der viertklassigen Wiener Stadtliga gerade einmal 13 Monate her. Im Turbo, den er unter Ernst Baumeister gezündet hat, ist seine Karriere vorangejagt. Nach seinen beeindruckenden Auftritten im Sturm der "Juniors" im Herbst 2016 darf Kalajdzic mit ins Winter-Trainingslager der Profis. Im Sommer 2017 wird er schließlich endgültig in die erste Mannschaft befördert, mit der ihm in einem Vorbereitungsspiel gegen die ungarische Mannschaft Gyirmot prompt ein Hattrick gelingt.

 

Es folgen das Bundesligadebüt, Kalajdzics erstes Bundesligator gegen Austria Wien und schließlich die Berufung für die U21-Nationalmannschaft. Dass dieses erste Länderspiel für Österreich dann ausgerechnet gegen das Heimatland seiner Eltern, Serbien, und noch dazu im Stadion der Admira stattfand – einem Drehbuchautor wäre solch kitschiger Stoff wohl um die Ohren gehauen worden.

 

Und Kalajdzic? Der 20-Jährige wirkt aufgeräumt und demütig. Er freut sich noch immer darüber, bei Donaufeld ein Abschiedsspiel bekommen zu haben, und ist ehrlich genug zuzugeben, "dass man manchmal nicht hundertprozentig bei der Sache ist, weil all die Eindrücke schon im Hinterkopf herumschwirren". Die Gefahr abzuheben sieht er aber weder bei sich noch bei seinem Umfeld. Im Gegenteil: "Meine Eltern halten mich am Boden, die sind sehr realistisch."

 

Als Kalajdzic vor eineinhalb Jahren zur Admira ging, wollte er sich eigentlich Zeit nehmen für den Traum vom Bundesligaprofi: "Bis 22 oder 23 wollte ich es versuchen, wollte mich voll auf Fußball konzentrieren. Wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich eben studiert und nebenbei unterklassig gekickt." Jetzt haben neue Träume die alten abgelöst: "Irgendwann einmal im Ausland zu spielen, das würde ich mir wünschen", sagt er. Der Weg dahin klingt bekannt: "Weiter hart arbeiten, auf Einsätze kommen und Tore schießen. Das hat mein Vater immer gesagt und er hat Recht behalten."

 

Im Moment aber lebt Kalajdzic seinen Traum bei der Admira: "Früher bin ich morgens zur Schule gefahren, heute wache ich auf und gehe zur Arbeit", sagt er und lacht: "Und das Geile ist halt, dass mein Job Fußball spielen ist."

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