Episoden aus der Elfenbeinküste

Am besten lässt sich Afrikas Fußballszene anhand von Anekdoten erklären. Sie können lustig sein, vielleicht spannend und unglaublich klingen. Manche sind kurios, anderen zeigen die kulturellen Besonderheiten Afrikas. Hinter vielen wiederum steht schlicht die Erkenntnis, wie arm dieser Kontinent ist. 

Das Tolle an Afrikas Fußball ist, dass fast alles – irgendwie – geht. Wer sich von den komplizierten Rahmenbedingungen (schlechte Infrastruktur, Korruption, ...) nicht beirren lässt, sondern nur auf die begabten Beine der jungen Spieler schaut, der muss überzeugt sein, das Eldorado der Fußballtalente gefunden zu haben. Wer dann noch versteht, dass er die angesprochenen Rahmenbedingungen auch durchaus zu seinem Vorteil nutzen kann, der kann sich vorkommen wie ein Goldgräber im Wilden Westen.

 

Das Schreckliche an Afrikas Fußball ist, dass fast alles – irgendwie – geht. Es ist eines von vielen Symptomen der Armut dieses Kontinents. Auf dem der weiße Mann, der an der Misere historisch wohl die größte Schuld trägt, am Ende in der Rolle des Heilsbringers ist. Beim Fördern von Fußballkarrieren wie beim Kampf gegen Armut oder Ebola. So sollte es nicht sein. Aber es ist so – auch weil sich die Afrikaner viel zu oft gegenseitig im Weg stehen. Und so kann der Talentgräber schalten und walten. Er sollte nur Acht geben, nicht zynisch zu werden.

 

 

Torjäger 

 

Diese erste Geschichte handelt von drei jungen Fußballspielern, von einem älteren Herrn, der mit seinem Auto normalerweise Touristen durch die Elfenbeinküste kutschiert, und mir, dem am Ende einer ereignisreichen Woche in Abidjan plötzlich eine Idee kommt.

 

Denn mir fiel am Tag vor meiner Abreise ein, dass einige Wochen später ein großes Turnier in Ghana stattfinden würde. Zu dem hatten sich bereits einige Scouts und Spielerberater angekündigt. Eine tolle Gelegenheit, also, Talente zu präsentieren. Ein Blick auf Google Maps sagte gut neun Stunden Fahrtzeit von Abidjan nach Accra voraus. Ein Klacks, wenn man bedenkt, dass aus Mali einige Spieler kommen würden, die zwei Tage Reisezeit einplanen mussten – pro Strecke.

 

Karamoko, mein Fahrer und Helfer, hatte in den vergangenen Tagen ohnehin einen zweiten Frühling als Fußballmanager erlebt, sich fleißig Spielernamen und Telefonnummern notiert, um Jungs zu einem Drittligaklub zu lotsen, den ein paar seiner Freunde leiteten. Es war keine Frage, dass er, wenn für ihn ein bisschen vom Spritgeld übrig bliebe, sofort dabei wäre.

 

Auch die Spieler (15, 16 und 17 Jahre alt), die ich im Kopf hatte, waren Feuer und Flamme. Ihre Klubs sowieso. Also fuhren Karamoko, ein Trainer aus Abidjan und drei Teenager Anfang Mai zur "8. Soccer Fiesta" nach Ghana.

 


Der Aufwand jedenfalls lohnte sich. Ibrahim Diabaté, 17 Jahre alter Stürmer der "Ivoire Académie", zeigte weder Nervosität noch Anpassungsprobleme. Trotz fremder Sprache, neuer Mannschaftskameraden und all dem Reisestress. Zwei Spiele und zwei Tore später, waren wir uns einig, dass es besser nicht mehr laufen würde. Also fuhr er im Taxi Karamoko wieder zurück nach Abidjan – mit Einladungen zum Probetraining in Frankreich und Dänemark in der Tasche.

 

 

 Millenials

 

Vielleicht sind die Ivorer schlicht ehrlicher beim Bescheißen. Zumindest könnte man nach einer Woche in Abidjan auf diese Idee kommen. Es geht einmal mehr um das leidigste Thema in Afrika, das wahre Alter der Spieler. Das, muss man erwähnen, kennen viele Spieler wohl selbst nicht genau. Ein konkretes Geburtsdatum bekommen sie meist erst, wenn sie in die Schule kommen – und dieses lässt sich, man ahnt es, durchaus nach unten korrigieren, wenn es der Fußballkarriere nutzt.

 

An einem sonnigen Nachmittag sind vier Mannschaften auf einen idyllisch gelegenen Fußballplatz in Abobo, einer von Abidjans dreizehn Kommunen, gekommen. Das sandige Feld, in den Ecken uneben und grasbewachsen, lässt sich besser bespielen als es zunächst den Anschein macht. Zwei der vier Teams spielen ansehnlichen Fußball, zeigen einige erstaunliche Ballstafetten auf dem holprigen Geläuf. Hinterher stehen die Trainer und „Manager“, wie sich die Organisatoren des Blitzturniers selbstbewusst nennen, zusammen und diskutieren.  

Über das Alter der Spieler. Einer der besten wurde auf dem Spielberichtsbogen (ja, so etwas gibt es auch in Afrika!) als Jahrgang 2001 angegeben. Und obwohl der Junge zweifellos ein Babyface hat: 15 Jahre? Kann nicht stimmen. Stimmt auch nicht, gibt sein Trainer ungerührt zu, in seiner Schule wird er als 1999er-Jahrgang geführt. Argumente werden ausgetauscht. Am Ende einigt sich die Runde auf das Geburtsjahr 2000.

 

Das Absurde an der Geschichte ist, dass der Junge tatsächlich 2000 geboren sein könnte. Wie die Schule sein Geburtsdatum festlegte, ob mit Geburtsurkunde oder Pi mal Daumen, wissen wohl nur die Eltern. Ganz bestimmt, aber, hat sie nicht an eine eventuelle Fußballkarriere gedacht.

 

Wie ich jedoch darauf komme, dass die Ivorer ehrlicher beim Bescheißen sind? Ganz einfach: Einige Klubs hier schenken sich die üblichen Spielchen. Die Jungs seien zwischen 16 und 18, sagen mir manche Trainer einfach.

 

Wie alt genau?

 

Wie du willst.


 

 

Handtaschenträger

 

Es ist am frühen Vormittag bereits viel zu heiß im Palais des Sports, wie das schmucke Stadion in Treichville heißt. Auf dem Kunstrasenplatz duellieren sich zwei Teams in der U20-Meisterschaft. Am Stadioneingang begrüßt mein Begleiter respektvoll einen der Klubpräsidenten. Oder besser eine Präsidentin. Denn die fröhliche und zupackende Dame in knallbunter Kleidung, die neben den Ersatzspielern auf der Bank sitzt, ist tatsächlich die Verantwortliche des Klubs, dessen Senioren in der 1. Liga spielen.

 

Das allein ist zwar irgendwie kurios, da Fußball in Afrika eine noch extremere Männerdomäne zu sein scheint als in Europa. Richtig kurios wird es jedoch als die Dame mit uns zur Tribüne an der gegenüberliegenden Seite geht. Denn ihr im Schlepptau folgt ein junger, sehr großer Mann. Es ist der Ersatztorhüter der ersten Mannschaft, der der Präsidentin die Handtasche trägt.

 

 

Gute Kontakte

  

Eine der Weisheiten, die man sich über afrikanische Spieler erzählt, geht so: Wer einen Spieler kontrollieren will, muss dessen Vertrauenspersonen in der Heimat kontrollieren. Die „Papas“, meist nicht biologischer Natur, zu denen viele Stars auch nach Jahren in Europa noch eine extrem loyale Beziehung führen. Und wie es der Zufall will, war ich tagelang mit einem Ivorer unterwegs, der mir irgendwann offenbarte, dass er der „Papa“ von Franck Kessié ist.

 

Rigo Gervais ist in Abidjan eine lokale Trainerberühmtheit. In seiner Akademie, die er vor zwei Jahren gegründet hat, bildet er einige der größten Talente des Landes aus und verleiht sie bereits in jungen Jahren an Klubs der Ersten und Zweiten Liga. Zuvor hat er lange für den Traditionsverein Stella FC gearbeitet – und dort unter anderem Franck Kessié zum Profi gemacht. Der wiederum spielt mittlerweile in Italien und war dort das heißeste Talent der abgelaufenen Saison. 25 Millionen Euro hatte Juventus Turin bereits in der Winterpause für den zentralen Mittelfeldspieler von Atalanta Bergamo geboten.

 

Wäre Kessié nicht auch einer für die Bundesliga? Rigo gefiel die Idee. Wir saßen auf weißen Campingstühlen am Rande eines holprigen Spielfeldes. Das Niveau auf dem Platz passte sich mehr und mehr den Gegebenheiten an, also begannen Rigo und Kessié via Whatsapp über einen Wechsel nach Deutschland zu diskutieren. Wobei Kessiés Wortbeiträge sich meist auf ein „oui, papa“ beschränkten.

 

Ob daraus ein Transfer wurde? Nein. Ob die reelle Möglichkeit bestand? Wer weiß das schon. Leider war Kessié für die Bundesliga bereits schlicht zu teuer. 

 

Einige Wochen später unterschrieb er beim AC Mailand. Sicher ist: Er wird "Papa" Rigo um Erlaubnis gefragt haben.


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