WM 2018: Warum Senegal zum Vorbild für den afrikanischen Fußball taugt

In der F.A.Z. berichtete ich während der WM über den afrikanischen Fußball. Teil 2: Das große Problem in Schwarzafrika ist, dass Talente entweder erst gar nicht gefunden oder nicht adäquat gefördert werden. In Senegal ist das dank diverser Fußballprojekte anders – zum Wohle der Nationalmannschaft.

Hier geht es um den zweiten Afrika-WM-Artikel in der F.A.Z. Den Artikel zu Mohamed Salah gibt es hier, die Analyse von Afrikas Abschneiden in Russland hier.

 

Senegal war der afrikanische Lichtblick bei der Weltmeisterschaft in Russland. Eine körperlich sehr robuste, dazu technisch beschlagene und schnelle Mannschaft, die nie nervös oder gar überheblich spielte. Ihr Ausscheiden in der Gruppe war besonders bitter, weil Konkurrent Japan viel Glück hatte (sehr früher Elfmeter samt roter Karte gegen Kolumbien) und dann recht unfair (Ballgeschiebe gegen Polen) dank der Fair-Play-Wertung weiterkam. Senegal flog nach der Vorrunde raus – wie alle Afrikaner – dafür aber mit Applaus.

 

In der F.A.Z. vom 26. Juni habe ich erklärt, warum Senegal vor dem letzten Gruppenspiel mit vier Punkten (Sieg gegen Polen, Remis gegen Japan) für viele überraschend gut da stand und auch neutrale Zuschauer begeisterte. Das Land taugt zum Musterbeispiel für Schwarzafrika: Nirgendwo gibt es so viele Klubs bzw. Akademien, die junge Talente auf hohem Niveau ausbilden. Zweimal war ich bereits in Senegal und besonders das Projekt des FC Metz, Generation Foot, das z.B. Sadio Mané hervorgebracht hat, ist ein exzellentes Beispiel, wie viel man in Afrika mit relativ wenig Geld erreichen kann. Oder im Umkehrschluss: Wie viel Talent anderswo brach liegt.

 

Da der Text online (bisher) nicht erschienen ist, kann man ihn hier lesen:

 

Spielplatz für den Nachwuchs 

 

Am Sonntag wehte ein Hauch von Qatar durch die WM. Als Senegals Rechtsverteidiger Moussa Wagué den zwischenzeitlichen 2:1-Führungstreffer gegen Japan erzielte (Endstand 2:2), dürfte in dem kleinen Wüstenemirat der eine oder andere Sportfunktionär zufrieden genickt haben. Vier Jahre vor dem Großevent nährt ausgerechnet ein ziemlich unbekannter Senegalese die Hoffnung, dass Qatar bei der Heim-WM doch kein sportliches Fiasko wird erleben müssen, wie es viele Fußballtraditionalisten rund um die Welt mit einer gewissen Vorfreude erwarten.

 

Denn der Neunzehnjährige ist ein Zögling von Qatars Sportprojekt „Aspire“. Und auch wenn Wagué in vier Jahren seine Fußballschuhe nicht für die Mannschaft Qatars schnüren wird, so liefert er in diesen Tagen den Nachweis, dass ehemalige Aspire-Schüler auf höchstem Niveau mithalten können. Was Wagué für Senegal gelingt, sollen 2022 dessen einstige Schulkameraden aus Qatar auch schaffen.

 

Bei dieser WM ist es jedoch die Mannschaft Senegals, die von Aspire profitiert. Und es gibt noch mehr Väter des Erfolgs. Sie sitzen in Metz in Nordfrankreich oder in Nizza, wo gerade Frankreichs früherer Kapitän Patrick Vieira als Trainer angeheuert hat. Denn Senegal ist seit rund 15 Jahren ein Spielplatz für diverse Nachwuchsförderprogramme. Der furiose Auftritt der Nationalmannschaft bei der WM 2002 in Japan und Südkorea hat seinerzeit seinen Teil zum Standortvorteil beigetragen. Eine Generation später profitieren das Land und Nationaltrainer Aliou Cissé, einer der Helden von 2002, von dieser Talentförderung.

 

Das "Institut Diambars" von oben
Das "Institut Diambars" von oben

 Die wohl bekannteste Fußballschule Afrikas liegt etwa anderthalb Autostunden südlich von Senegals Hauptstadt Dakar an der „kleinen Küste“, dem senegalesischen Pendant zur Côte d’Azur. Gleich neben dem Urlaubsort Saly mit seinem feinen Sandstrand erstreckt sich das Trainingszentrum von Diambars über sechs Fußballfelder, ein Hauptgebäude mit Schule und Kantine sowie Unterkünfte für Spieler und Angestellte. Das Fußballprojekt wurde Anfang des Jahrtausends unter anderem von den französischen Nationalspielern Vieira und Bernard Lama sowie dem senegalesischen Geschäftsmann Saer Seck, der bis heute Präsident des Klubs ist, gegründet.

 

Für Strand und Meer haben die Nachwuchskicker von Diambars jedoch keinen Blick. Die volle Konzentration gilt der Ausbildung, die sie hier genießen. Jeden Morgen auf dem Weg zum Unterricht laufen sie vorbei an den Bildern und Trikots erfolgreicher Diambars-Absolventen, die in den Gängen und Fluren hängen. Beim 2:2 gegen Japan bildeten zwei von ihnen, Idrissa Gueye und Papa Alioune Ndiaye, die Mittelfeldzentrale Senegals.

 


Eine Positionsreihe vor „Gana“ und „Badou“ – wie sie auf ihren Trikots heißen – stürmten mit Sadio Mané und Ismaïla Sarr wiederum zwei ehemalige Spieler des Konkurrenzprojekts „Generation Foot“. Die Fußballschule, 2003 gegründet und vom FC Metz mitfinanziert, hat mit dem Liverpool-Spieler Mané den bislang größten Star hervorgebracht. Dagegen kommt „Aspire“ mit nur einem Spieler im senegalesischen Kader recht mager daher. Wobei die Qatarer, die sich seit ein paar Jahren bei Diambars eingemietet haben, hier mit spanischen Trainern Talente aus ganz Afrika ausbilden.

 

Gegen Polen und Japan überzeugte Senegal mit einer Mischung aus offensivem Spielwitz und disziplinierter Ordnung auf dem Feld. Die Mannschaft von Trainer Cissé ist der spielende Beweis dafür, was mit einer professionellen Talentförderung in Afrika möglich ist. Und sie taugt zum Vorbild für den ganzen Kontinent.


Denn afrikanische Nationalmannschaften stecken häufig in einem Teufelskreis fest. Da das brachliegende Talent zu Hause nicht gefördert wird, gehen die meist ausländischen Nationaltrainer nach Amtsantritt erst einmal auf Europa-Tour, um Spieler mit afrikanischen Wurzeln für ihre Mannschaften zu gewinnen. Was die korrupten Fußballverbände wiederum kaum dazu motiviert, heimischen Nachwuchs zu unterstützen. In den meisten schwarzafrikanischen Ländern werden Kaderplätze in den Junioren-Nationalteams verkauft, und ordentliche Fußballplätze kann man an einer Hand abzählen.

Straßenfußball auf der Île de Gorée
Straßenfußball auf der Île de Gorée

 

Auch wenn es privatem und ausländischem Engagement zu verdanken ist, hat Senegal diesen Kreislauf durchbrochen. Die Fußballschulen haben es dem einheimischen Trainer Cissé leicht gemacht, vorwiegend auf Spieler zu setzen, die in Senegal aufgewachsen sind. Anders als beispielsweise Marokkos Nationaltrainer Hervé Renard, dessen WM-Kader zum großen Teil aus Spielern besteht, die in Frankreich oder den Niederlanden geboren wurden.

 

Der Erfolg gibt Cissé recht. Wenn dieser sagt, dass sein Team für ganz Afrika spiele, schwingt auch die Hoffnung mit, dass das Beispiel Senegal Schule machen könnte. Und Afrikas Fußballverbände vielleicht anspornt, den eigenen Nachwuchs besser zu fördern oder wenigstens die Voraussetzungen zu schaffen, dass private Projekte dies tun.

 

Wegen der demographischen und wirtschaftlichen Umstände mangelt es in Afrika weder an Talenten noch an Hingabe. Doch die meisten bleiben auf der Strecke. 

 


In Senegal scheint dieses Problem Vergangenheit zu sein. Die Erfolge von Diambars und Generation Foot, die im ganzen Land nach Talenten fahnden, sind bereits vor der WM nicht unerkannt geblieben. 2015 ging Olympique Lyon mit Dakar Sacré Coeur eine Partnerschaft ein, die den beiden anderen Projekten gleicht. Künftig wird Senegals Fußball also auch noch vom Knowhow des Big Players „OL“ profitieren.

 

Senegals Fans, die in Russland durch bunte Körperbemalung und pausenlose rhythmische Unterstützung ihrer Mannschaft auffielen, dürften so langsam ihren Frieden mit den Fußballschulen geschlossen haben. Denn die Anhänger der großen Klubs im Lande beäugen die „Neuen“ durchaus mit einer gewissen Skepsis, wie deutsche Fans sie etwa Hoffenheim oder Leipzig entgegenbringen. Eines haben die senegalesischen Reißbrett-Projekte übrigens den deutschen aber voraus. 2013 wurde Diambars Meister der Ligue 1. 2017 folgte Generation Foot.

 

Hier geht es um den zweiten Afrika-WM-Artikel in der F.A.Z. Den Artikel zu Mohamed Salah gibt es hier, die Analyse von Afrikas Abschneiden in Russland hier.

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